Werbemodelle - gibt's die noch?
Werbemodelle - gibt's die noch? Ich gebe zu, die Frage mag dem einen oder anderen Sammler provokant erscheinen, ich denke aber, sie hat aufgrund der Vielzahl der Modelle, die als "Werbemodelle" zur Zeit den Markt überfluten, durchaus ihre Berechtigung. Nachdem vor einiger Zeit im Forum des Wiking-Archivs eine Diskussion zu diesem Thema angestoßen wurde, die bei den meisten Sammlern offensichtlich auf Unverständnis stieß, möchte ich an dieser Stelle meine Gedanken hierzu noch einmal etwas deutlicher formulieren.
Als kleines Kind bekam ich in einem Schuhgeschäft einmal einen kleinen VW Käfer aus Plastik geschenkt, weil ich beim Einkauf so schön brav gewesen war. Ich nahm das Modell mit nach Hause, wo es dann auf irgendeine Weise verschwand. Dreißig Jahre später - die ersten Wiking-Vitrinen hingen schon an der Wand -, entdeckte ich das Modell auf dem Dachboden zwischen meinen alten Spielsachen wieder. Zu meiner großen Freude fand ich das alte Wiking-Zeichen auf der Bodenplatte und darüber hinaus eine weitere Bodenprägung: Runken-Sportkleidung. Es handelte sich um den unverglasten VW-Käfer 30/7, im Gegensatz zum Serienmodell mit zwei Auspuffrohren, rechtwinkligem Hecklüfter und besagter Bodenplatte ausgestattet: Kurz gesagt, es handelte sich um eines der ersten Werbemodelle im damaligen Maßstab 1:90.
Anfang der 70er Jahre brachte mein Vater von Verhandlungen mit der Firma Hapag-Lloyd regelmäßig Wiking-Lastzüge mit Firmenaufschrift mit ("für Ihre Söhne, zum Spielen"), die dann allerdings sofort im Regal landeten, denn die Zeit der "Spielzeugautos" war altersbedingt vorbei. Gemeinsam hatten diese Modelle mit dem alten Runken-Käfer eines: Sie dienten ausschließlich der Werbung und als Werbegeschenk für Kunden.
Vielfach werden heute Modelle bei Wiking von Firmen in Auftrag gegeben, die hauptsächlich einem Zweck dienen: in den Verkauf zu gelangen. So findet man zum Beispiel auf den Webseiten diverser Speditionsfirmen mit Firmenlogos bedruckte Wiking-Modelle (oder Modelle anderer Hersteller) zum Verkauf, deren Preise zum Teil deutlich über den Preisen gleichartiger Serienmodelle liegen. Zielgruppen sind hier zum einen die "Fans", zum anderen die Modellautosammler. Auch Brauereien und Fußballvereine lassen solche Modelle herstellen, bei den Vereinen werden sie vielfach über die Fan-Shops vertrieben, dort gehört zu den Fan-Artikeln neben Schal, Trikot und Mütze natürlich auch das Modell des Mannschaftsbusses. Im Shop der Jever-Brauerei in Jever kann man selbstverständlich neben Bierkrügen und Flaschenöffnern auch Modelle der Brauerei-LKWs erstehen. Nicht mehr die Werbung steht hier im Vordergrund, sondern der Handel, die Vermarktung des Produktnamens: das sogenannte "Merchandising".
Die bisherige Unterscheidung zwischen Serienmodellen bzw. Handelsmodellen auf der einen und Werbemodellen auf der anderen Seite kann daher meines Erachtens nicht mehr aufrecht gehalten werden, denn vieles, was heute unter "Werbemodell" eingeordnet wird, ist ausschließlich für den Handel und zum Verkauf bestimmt, der Werbegedanke ist zweitrangig. Es folgt hier nun der Versuch einer anderen Systematik, wobei ich davon ausgegangen bin, dass sich die Hauptkategorien über den Auftraggeber definieren lassen: Entsteht ein Modell quasi im "Eigenauftrag", handelt es sich um ein Serienmodell, handelt der Modellhersteller im Auftrag einer externen Firma, handelt es sich um ein Auftragsmodell. Zu den Serienmodellen sind auch die "Pseudo"-Werbemodelle zu rechnen, da hier ohne Beteiligung des Herstellers Serienmodelle bedruckt oder beklebt werden, um dann zu Werbezwecken an Kunden, als Präsente für Mitarbeiter o.ä. verteilt zu werden. Auftragsmodelle entstehen entweder zu Merchandising-Zwecken, damit sind sie Handelsmodelle, oder aber sie dienen als Werbegeschenke für Kunden, dann sind sie Werbemodelle. In einer schematischen Darstellung sieht dies wie folgt aus:

Natürlich gibt es Mischformen, so mögen z.B. für das Merchandising bestimmte Modelle auch einmal kostenlos abgegeben werden, oder man lässt Modelle in Überzahl produzieren, um sie sowohl als Kundenpräsente einsetzen als auch verkaufen zu können - um damit die Werbung zu refinanzieren.
Damit aber zurück zu der Ausgangsfrage: Werbemodelle - gibt's die noch? Natürlich gibt es sie, nur weniger häufig als man heutzutage denken dürfte. Und nicht alles, was Werbemodell genannt wird, ist auch wirklich eines. Bedenkt man dies, wundert man sich auch nicht mehr über so manche Preisgestaltung.