Hapag-Lloyd     oder     Sammlers Dilemma

Werbemodelle der Firma Hapag-Lloyd gibt es wie Sand am Meer, die Variantenvielfalt scheint nahezu unbegrenzt, kaum jemand kann sich einen vollständigen Überblick verschaffen, und nicht einmal der Gelbe Katalog hilft wirklich weiter. Wo liegen die Ursachen für eine solche Flut unterschiedlichster Modelle?
In den 70er Jahren wurde der Firma Wiking der variantenreichste Werbemodell-Auftrag aller Zeiten erteilt. Die Hapag-Lloyd AG, als Frachtgesellschaft vorrangig tätig im Container-Transport nach Übersee, bestellte eine große Anzahl an 20ft.- und 40ft.-Container-Zügen zur Verwendung als Werbemittel, die von Vertretern der Firma an jene Spediteure verschenkt werden sollten, mit denen man zusammenarbeitete. Einzelne Modelle fanden auch den Weg zu Kunden der Hapag-Lloyd.
Damit jedem Spediteur ein Modell geschenkt werden konnte, das sowohl hinsichtlich der Zugmaschine als auch der Farbgestaltung seinem Fuhrpark entsprach, sollten möglichst viele verschiedene Varianten von Wiking geliefert werden. Dieser Auftrag kam Wiking naturgemäß sehr entgegen, konnten dadurch doch übrig gebliebene Einzelteile anderer Serien- und Werbemodelle sinnvoll verwertet werden.
Daher fertigte Wiking eine Vielzahl von Hapag-Lloyd-Containerzüge aus Kombinationen verfügbarer Teile, ohne dass heute noch sicher nachvollzogen werden könnte, welche Kombinationen in welcher Stückzahl zusammengebaut wurden. Es ist daher nicht auszuschließen, dass einige dieser Fahrzeuge nur in kleinster Stückzahl - möglicherweise sogar nur als Einzelstücke - existieren.
Hier beginnt nun des Sammlers Dilemma: Soll er glauben, dass ein ihm angebotenes Modell "echt" ist, d.h. dass es bei Wiking in der angetroffenen Form montiert wurde? Die beschriebene Vorgehensweise öffnet natürlich allen nachträglich vorgenommenen Kombinationen unredlicher "Bastler" Tür und Tor.
MAN 10.230 Der Gelbe Katalog hält sich an dieser Stelle sicherheitshalber etwas bedeckt. Ganze 14 dieser Container-Sattelzüge in insgesamt circa 70 Varianten - unter anderem der links zu sehende MAN 10.230 (Hapag-LLoyd 1) - haben dort Einzug gehalten, von denen maximal 12 aus dem oben genannten Großauftrag stammen dürften.
Auch bei den Varianten der im Gelben Katalog notierten Modelle gibt es möglicherweise Lücken, wie die beiden unten rechts zu sehenden Modelle mit einem Magirus 235 D als Zugmaschine verdeutlichen:
Oben das Werbemodell Hapag-Lloyd 2 E, ein Sattelzug mit einer Kabine in hellbraunroter Farbgebung und mit melonengelbem Auflieger mit dünnem Königsbolzen, bestückt mit zwei 20-ft.-Containern. Inneneinrichtung der Kabine ohne Lenkrad.
Das untere Modell entspricht in vielen Teilen dem Werbemodell Hapag-Lloyd 2 A, mit azurblauer Kabine. Allerdings ist der Auflieger nicht melonengelb, sondern ebenfalls azurblau, außerdem verfügt er - im Gegensatz zum oben stehenden Modell - über einen starken Königsbolzen. Die Inneneinrichtung der Kabine besitzt ein Lenkrad. Die Container sind mit einer Nummer bedruckt wie sonst nur die Serienmodelle, diese Regel wurde allerdings auch schon beim Modell Hapag-Lloyd 4 mit Hanomag-Henschel-Zugmaschine durchbrochen.
Magirus 235 D

Magirus 235 D
An der Echtheit des oberen Zuges kann es meiner Ansicht nach keinen Zweifel geben, zumal das Modell im Gelben Katalog notiert ist und - und dies scheint mir weitaus wichtiger - die Quelle bekannt ist: Dieses Modell geriet in den 70er Jahren direkt von Hapag-Lloyd in meine Hände. Beim unteren Modell können sicherlich Zweifel an seiner Echtheit geäußert werden, wenngleich es als Werbemodell verkauft wurde. Wenn Friedrich Peltzer in dem oben genannten Großauftrag die einmalige Chance einer umfassenden Resteverwertung sah, kann natürlich auch dieses Modell in der vorliegenden Form zusammengesteckt worden sein, und dies durchaus unter Verwendung überzähliger Teile aus der Serienproduktion.
Magirus 235 D

Magirus 235 D
Die Kombinationsmöglichkeiten aus den vorhandenen Teilen der Serien- und auch der Werbemodellproduktion sind mit dem zuletzt beschriebenen Modell keineswegs ausgereizt: Die Kabine des Magirus 235 D besteht aus zwei Formteilen, die sich auch farbunterschiedlich zusammenfügen lassen. Das Modell links oben geriet ebenfalls ohne Umwege von Hapag-Lloyd in meine Sammlung, ist daher in der gezeigten Zusammenstellung original: Auflieger mit starkem Königsbolzen, hellorangegelb, die Zugmaschine zweifarbig olivgrau-azurblau, die Inneneinrichtung mit integriertem Lenkrad, das in der Serienproduktion erstmals 1975 auftauchte, während der hier verwendete Container nur bis 1974 im Einsatz war. Viele Jahre war ich der Meinung, als Einziger ein solches Modell mit Bicolor-Zugmaschine zu besitzen, bis ich das links unten stehende Modell bei einer Internet-Auktion entdeckte (der Urheber möge mir den Bilddiebstahl verzeihen): Hellbraunrot-perlweiße Kabine, neuere Container mit Nummern.
Bei dem rechts stehenden Modell handelt es sich ebenfalls um ein solches mit Bicolor-Zugmaschine, diesmal ein Mercedes LPS 1620. Die rot-weiße Zugmaschine wird vom Gelben Katalog bestätigt, wenn auch mit andersfarbigem Chassis, die Kombination mit dem hier gezeigten Auflieger und Container ist allerdings dort nicht bekannt; angegeben wird der alte gerippte Container mit Aufkleber und ein Auflieger in einem der typischen Orangetöne. - Auch hier bekenne ich einen Bilddiebstahl aus dem Internet. Mercedes-Benz LPS 1620
War bisher nur von Modellen die Rede, die zumindest in anderen Farbvarianten im Gelben Katalog zu finden waren, so handelt es sich bei dem nun folgenden Modell um eines, das der Gelbe Katalog bisher als Werbemodell ignoriert. Die Quelle ist auch hier gesichert; auch dieses Modell geriet direkt von Hapag-Lloyd in meine Sammlung.
Es handelt sich dabei um den Mercedes-Benz LS 1413 Container-Sattelzug, Kabine mit Lüfter. Die Kabine ist hellgelbgrau, das Chassis hellbraunrot. Die Räder verfügen über 12 mm Nennweite und haben eingesetzte, hellbraunrote 6-Loch-Felgen . Der Auflieger ist gelborange, der Open-Top-Container altweiß, das Containerdach basaltgrau. Beschriftet ist der Container mit einem Aufkleber. Mercedes-Benz LS 1413
Von den äußeren Bestandteilen her ähnelt dieses Modell dem Serienmodell 526/8, die Farbstellung ist jedoch eine völlig andere. In der Serie ist die Kabine lt. Gelbem Katalog grundsätzlich orangegelb, erst ab dem Gelben Katalog 2002 wurde zusätzlich eine Variante mit hellgelbgrauem Fahrerhaus aufgenommen. Der Auflieger der Serie ist immer hellbraunrot, der Container hellgelbgrau oder hellelfenbein. Theoretisch hätte das Modell aus dem Werbemodell mit International-Harvester-Zugmaschine (13a) und der Serien-Zugmaschine des MB LS 1413 zusammengesetzt werden können, jedoch ist bei dem IH-Modell der Container heller als grauweiß und nicht altweiß, einen Container in dieser Farbstellung gibt es weder bei einem Serien- noch bei einem Werbemodell. Ein Einzelstück ist dieses Modell dennoch nicht: Seinerzeit bekam ich von Hapag-Lloyd zwei identische Exemplare dieses Modells, von denen ich eines vor einigen Jahren in einem Anflug geistiger Umnachtung verkaufte.
Mercedes-Benz LPS 2223 Links nun ein Modell, dessen Echtheit zu Recht angezweifelt werden darf: Ein Mercedes-Benz LPS 2223. Zwar ähnelt es dem im Gelben Katalog notierten Werbemodell Hapag-Lloyd 3, jedoch stimmen weder Container noch Auflieger. Der gerippte Container mit Papieraufkleber, bis 1974 im Einsatz, passt nicht zum Auflieger mit Unterfahrschutz, der erst ab 1980, also nach besagtem Großauftrag, produziert wurde.
Zu guter Letzt ein Serienmodell, das einem Werbemodell zumindest sehr ähnlich sieht: Der Mercedes-Benz LPS 1620 Container-Sattelzug (523/12/A) mit azurblauer Kabine und ebensolchem Auflieger, Katalogjahr 1970 bis 1974. Das entsprechende Werbemodell Hapag-Lloyd 5a weist allerdings einen Silberstreifen an der Kabine auf. Mercedes-Benz LPS 1620
So bleibt des Sammlers Dilemma bestehen. Er hat die Wahl zwischen drei Möglichkeiten bei der Beurteilung der Hapag-Lloyd-Werbemodelle: Sie sind entweder echt, "vielleicht" echt oder nicht echt. Echt sind sie, sofern sie mit den Notierungen im Gelben Katalog übereinstimmen - und er diesen vertraut - oder wenn er die Quelle als sicher ansehen kann, wobei mir dies der beste, aber wohl auch der seltenste Anhaltspunkt zu sein scheint. "Vielleicht" echt sind sie dann, wenn ihre Bestandteile (Zugmaschine, Kabine, Container) im Hinblick auf Produktionszeiten zueinander passen, die letzte Sicherheit wird hier aber immer fehlen. Nicht echt sind sie dann, wenn auch das Kriterium der parallelen Produktionszeiten nicht mehr trägt. Hier kann er sich dann abschließend - sicherlich in vielen Fällen zu Recht - die Frage stellen, was ihm wichtiger ist: die Echtheit eines Modells oder einfach ein optisch stimmiger Gesamteindruck, an dem er sich erfreuen kann.
Schlussbemerkung: Die vorangehende Darstellung beleuchtet sicherlich nicht alle relevanten Aspekte des Themas "Hapag-Lloyd-Werbemodelle". Daher bin ich für weitergehende Informationen jederzeit dankbar. Gleiches gilt für Richtigstellungen jedweder Art, denn ich will nicht ausschließen, dass ich bei der Recherche zu diesem Thema auch einmal einer Falschinformation aufgesessen bin.

ã 2004 Wikingmania - Michael Broer